Was ist Coworking

Was ist Coworking? Die Idee hinter dem dritten Ort

Wenn du fragst, was ein Coworking Space eigentlich ist, bekommst du meistens eine Antwort, die stimmt und trotzdem nichts erklärt: ein Büro, das man tageweise mieten kann.

Technisch korrekt. Ungefähr so aufschlussreich wie die Aussage: „Ein Restaurant ist ein Raum, in dem man essen kann.“

Denn die Frage dahinter ist eine andere: nicht „Was ist das?“ Sondern „Warum gibt es das?“ Warum sollte jemand Geld für einen Schreibtisch ausgeben, wenn zu Hause einer steht, der nichts kostet? Und wieso ist daraus in zwanzig Jahren eine ganze Branche geworden?

Die Antwort fängt an einem Ort an, an dem man sie nicht vermutet.

Erfunden aus Frust – aber nicht aus Frust über das Homeoffice

Die gängige Erzählung geht so: Coworking sei entstanden, weil Menschen im Homeoffice vereinsamten. Das klingt plausibel. Es stimmt nur nicht.

Der Begriff geht auf Brad Neuberg zurück, einen Softwareentwickler aus San Francisco. Im August 2005 richtete er in den Räumen von Spiral Muse, einem feministischen Kollektiv im Mission District, den ersten Space ein, der sich so nannte. Ausgelöst hatte das Ganze aber nicht seine Küche. Ausgelöst hatte es ein Büro.

Neuberg arbeitete damals für ein Start-up, das in einem Business Center untergebracht war – einer dieser professionell gemanagten Bürolandschaften, in denen alles funktioniert und niemand miteinander spricht. Im Interview mit dem Branchenmagazin deskmag hat er das später als völlig unsozial beschrieben. Er hatte als Angestellter die Freiheit vermisst, als Selbstständiger die Gemeinschaft, und in diesem Büro hatte er nun beides nicht. Coworking entstand als Reaktion darauf.

Nebenbei: Ein paar Jahre zuvor hatte er dieselbe Idee schon einmal erprobt, damals unter dem Namen „9 to 5 Group“. Sie setzte sich nicht durch. Neuberg selbst vermutet, dass es schlicht das falsche Wort zur falschen Zeit war.

Das ist kein Detail für Geschichtsinteressierte. Es ist der Grund, warum es Coworking als eigene Kategorie überhaupt gibt. Ein gemieteter Schreibtisch mit Internetanschluss existierte 2005 längst. Was nicht existierte, war ein Ort, an dem man beides gleichzeitig haben konnte: allein arbeiten und trotzdem unter Menschen sein.

Wer die Geschichte aus erster Hand lesen will: Neuberg hat sie selbst aufgeschrieben, ausdrücklich um die Fehler zu korrigieren, die sich in Presseberichten und auf Wikipedia eingeschlichen hatten.

Der dritte Ort

Der dritte Ort

Der Begriff, mit dem sich am besten beschreiben lässt, was daraus geworden ist, stammt gar nicht aus der Arbeitswelt. Er stammt aus der Soziologie und ist älter als das Internet.

Der amerikanische Soziologe Ray Oldenburg prägte 1989 in seinem Buch The Great Good Place den Begriff des dritten Ortes: ein Ort, der weder Zuhause noch Arbeitsplatz ist, an dem Menschen aus unterschiedlichen Lebenszusammenhängen zwanglos zusammenkommen. Cafés, Kneipen, Bibliotheken, Friseursalons. Orte, die historisch für Wärme, Geselligkeit und ein Gemeinschaftsgefühl gesorgt haben, ohne dass das ihr offizieller Zweck gewesen wäre. Das Buch wurde überraschend zum Bestseller, und der Begriff wanderte in den allgemeinen Sprachgebrauch. Leser schrieben Oldenburg, er habe etwas benannt, das sie längst kannten, für das ihnen aber die Worte gefehlt hätten. (Ausführlich im UNESCO Courier.)

Der deutsche Bundesverband Coworking Spaces hat diesen Begriff für die Branche übernommen, und er passt gut: Es gibt den Arbeitsplatz im Betrieb, es gibt das eigene Zuhause, und daneben gibt es einen dritten Ort, den man sich aussucht.

Entscheidend ist dabei nicht, wem der Raum gehört. Entscheidend ist die Kultur, die an jedem dieser Orte herrscht – und die ist an allen dreien eine andere. Im Betrieb gelten die Regeln des Betriebs; du bist dort in einer Rolle. Zu Hause gelten überhaupt keine Regeln, was der Grund ist, warum manche Menschen dort hervorragend arbeiten und andere um halb vier auf dem Sofa liegen. Der dritte Ort hat eine eigene Kultur, die weder das eine noch das andere ist: verbindlich genug, dass gearbeitet wird, locker genug, dass man niemandem Rechenschaft schuldet.

Ganz sauber ist die Übertragung übrigens nicht. Bei Oldenburg ist das Gespräch die Hauptbeschäftigung des dritten Ortes – im Coworking Space ist es das ausdrücklich nicht, dort wird gearbeitet. Die Ähnlichkeit liegt woanders: im freiwilligen Kommen, in den Stammgästen, in der Selbstverständlichkeit, mit der man Leuten begegnet, die man sich nicht ausgesucht hat.

Und noch ein Detail, das mich gefreut hat. Dass in fast jedem Coworking Space Kaffee im Preis enthalten ist, wirkt wie ein netter Einfall der Marketingabteilung. Tatsächlich ist es die älteste Tradition der Zunft. Die englischen Kaffeehäuser des 17. Jahrhunderts, für Oldenburg der Prototyp des dritten Ortes, nannte man „Penny University“: ein Penny Eintritt, zwei Pence für den Kaffee, die Zeitung gratis.

Zwanzig Jahre später

Die Zahlen aus Deutschland zeigen eine klare Richtung, und es ist nicht die, die man erwarten würde.

Die Zahl der Spaces wächst weiter – seit 2020 um rund 60 Prozent. Spannender als die Gesamtzahl ist aber, wo sie wachsen. Die Zahl der Städte und Gemeinden mit mindestens einem Coworking Space stieg innerhalb eines einzigen Jahres um sieben Prozent, von 609 auf 653. Nicht die Metropolen treiben das. Es sind die mittleren Städte und die Wohnorte.

Der Grund ist derselbe in allen Märkten, die man sich anschaut: Menschen, die hybrid arbeiten, wollen für ein paar Stunden nicht ins Zentrum pendeln, aber eben auch nicht dauerhaft am Küchentisch sitzen. Gesucht wird ein Ort in der Nähe. Nordrhein-Westfalen führt die Statistik übrigens mit deutlichem Abstand an – 409 Spaces, mehr als jedes andere Bundesland.

Womit die Branche nach zwanzig Jahren bei etwas ankommt, das Oldenburg schon 1989 aufgeschrieben hatte: Ein dritter Ort liegt in der Nähe. Im Idealfall geht man zu Fuß hin.

Warum das mehr ist als eine Anekdote

Man kann diese Geschichte für Folklore halten. Man kann aus ihr aber auch etwas ableiten, das beim Suchen hilft.

Neuberg wollte 2005 zwei Dinge gleichzeitig haben, die sich damals ausschlossen: die Freiheit der Selbstständigkeit und die Struktur eines Ortes, an dem andere Menschen arbeiten. Oldenburg hatte Jahre vorher beschrieben, woran man Orte erkennt, an denen so etwas möglich wird – neutraler Boden, freiwilliges Kommen, Stammgäste, kurze Wege. Keiner der beiden hat dabei über Möblierung nachgedacht.

Genau deshalb bringt es wenig, Coworking Spaces nach Quadratmetern, Stuhlmodellen und WLAN-Geschwindigkeit zu vergleichen. Das ist alles messbar und deshalb steht es überall in den Preislisten. Nur entscheidet es nicht darüber, ob du dort gerne arbeitest.

Was du konkret buchen kannst, was es kostet und wer sonst an diesen Schreibtischen sitzt – darum geht es im zweiten Teil.


Quellen

Im Text verlinkt

  • Brad Neuberg: The Start of Coworking (from the Guy that Started It) — seine eigene Darstellung der Gründungsgeschichte http://codinginparadise.org/ebooks/html/blog/start_of_coworking.html
  • Ray Oldenburg & Karen Christensen: Third places, true citizen spaces, UNESCO Courier, 22.03.2023 — Herkunft und Kriterien des dritten Ortes, Kaffeehaus als Prototyp, „Penny University” https://courier.unesco.org/en/articles/third-places-true-citizen-spaces

Weitere verwendete Quellen

Bildquellen

  • Das Titelbild wurde von ChatGPT erstellt.
  • Blue Wooden Door. y moran. March 25, 2019. Unsplash
  • A Person Using A Laptop. Nik. April 21, 2022. Unsplash

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