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- Ostwall 119: Ein Haus in einer geplanten StadtWie der Ostwall von der Stadtgrenze zum Boulevard wurde – und was das denkmalgeschützte Haus Ostwall 119 über Krefelds Entwicklung erzählt.
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Ostwall 119: Ein Haus in einer geplanten Stadt
Wer heute vor dem Gebäude Ostwall 119 steht, sieht zunächst ein innerstädtisches Haus mit einer repräsentativen Fassade. Seine eigentliche Geschichte beginnt jedoch nicht an der Haustür. Sie beginnt mit einem Stadtplan.
Der Ostwall entstand nicht allmählich aus einem mittelalterlichen Weg. Er war Teil einer bewussten Stadterweiterung, mit der Krefeld Anfang des 19. Jahrhunderts auf sein starkes Wachstum reagierte. Das Gebäude an der heutigen Hausnummer 119 kam später hinzu – an einer Straße, die sich von der grünen Stadtgrenze zu einer der wichtigsten Achsen Krefelds entwickelte.
Die vier Wälle waren ein Zukunftsprojekt
Nach dem Ende der französischen Herrschaft fiel Krefeld 1815 an Preußen zurück. Die Bevölkerung wuchs, und die bisherige Stadtfläche reichte nicht mehr aus. Der Architekt und preußische Baubeamte Adolph von Vagedes entwarf deshalb einen weitreichenden Plan für die Erweiterung Krefelds.

Adolph von Vagedes’ Traum
Sein ursprünglicher Plan sah eine weitläufige, kreuzförmige Erweiterung vor, deren große Straßen Krefeld mit den überregionalen Landstraßen verbinden sollten. Aus Kostengründen wurde die Idee jedoch verkleinert und vereinfacht. Geblieben ist die klare geometrische Grundidee: Die vier Wälle fassten die wachsende Stadt zu einem großen Rechteck zusammen und gaben der Krefelder Innenstadt ihre bis heute erkennbare Form.
Sein ursprünglicher Entwurf war größer und monumentaler als das, was später tatsächlich gebaut wurde. Dennoch blieb seine entscheidende städtebauliche Idee erhalten: ein klar gegliedertes Rechteck, das von vier breiten Straßen eingefasst wurde – Nordwall, Ostwall, Südwall und Westwall. Diese Wallstraßen prägen den Grundriss der Krefelder Innenstadt bis heute. [1]
Vom Stadtrand zur grünen Promenade
Besonders der Ostwall erhielt früh einen repräsentativen Charakter. Ab den 1830er-Jahren wurde seine Gestaltung nach Plänen des bedeutenden Gartenarchitekten Maximilian Friedrich Weyhe weiterentwickelt. Bäume, Grünflächen und ein breiter Mittelstreifen machten aus der Verkehrsachse auch einen Ort zum Spazieren und Verweilen.
Damit verkörperte der Ostwall eine damals moderne Vorstellung von Stadtplanung: Verkehr, Architektur und öffentliches Grün sollten nicht getrennt, sondern als zusammenhängender Stadtraum gedacht werden. [1]
Die Eisenbahn veränderte seine Bedeutung noch einmal grundlegend. Mit dem Bau und der Entwicklung des Bahnhofs wurde der Ostwall nach Süden erweitert und zur direkten Verbindung zwischen Bahnhof und Innenstadt. Was zunächst am östlichen Rand Krefelds lag, wurde nun zum Eingang in die Stadt.
Entlang dieser Achse entstanden Wohnhäuser, Geschäftshäuser, öffentliche Einrichtungen und repräsentative Bauten. Wer mit der Bahn ankam, sollte auf dem Weg in die Innenstadt ein modernes und wirtschaftlich erfolgreiches Krefeld erleben.
Der Ostwall um 1900
Um 1900 war aus der früheren Stadtgrenze ein belebter Boulevard geworden. Elektrische Straßenbahnen, Fuhrwerke, Fußgänger, Geschäfte und gesellschaftliche Einrichtungen prägten das Straßenbild. Ein historischer Spaziergang des Krefelder Stadtarchivs beschreibt den Ostwall ausdrücklich als prachtvoll gestalteten Boulevard und als einen der wichtigsten Wege durch die Stadt. [2]
Diese Entwicklung stand in engem Zusammenhang mit Krefelds wirtschaftlichem Aufstieg. Die Samt- und Seidenindustrie hatte Wohlstand hervorgebracht. Kaufleute, Fabrikanten, Banken und Handelsunternehmen benötigten Kontore, Geschäftsräume und repräsentative Adressen.
Der Ostwall wurde damit nicht nur zum Verkehrs- und Promenadenraum. Er wurde auch zu einem Ort der Arbeit.
Was wissen wir über Ostwall 119?
Das Gebäude Ostwall 119 ist in der Denkmalliste der Stadt Krefeld als Baudenkmal erfasst. Damit gilt es offiziell als erhaltenswertes Zeugnis der Krefelder Bau- und Stadtgeschichte. [3]
Das Haus des Kaufmanns Friedrich Kauert
Im Jahr 1855 ließ der Krefelder Kaufmann Friedrich Kauert das Haus am heutigen Ostwall 119 errichten. Das Gebäude entstand damit in einer Zeit, in der sich der Ostwall vom Rand der früheren Stadt zu einer repräsentativen Wohn- und Geschäftsadresse entwickelte.
Spätklassizismus
Stilistisch ist das Haus vor allem dem Spätklassizismus zuzuordnen. Der streng gegliederte, sechsachsige Putzbau besteht aus einem zurückhaltend gestalteten Erdgeschoss, einer repräsentativen Beletage und einem niedrigeren Attikageschoss. Die beiden äußeren Fensterachsen treten leicht hervor und wirken wie flache Risalite. In der Mitte betont ein Balkon mit schmiedeeisernem Gitter die symmetrische Fassade.

Über den Bauherrn selbst ist bislang nur wenig öffentlich dokumentiert. Friedrich Kauert wird als Krefelder Kaufmann genannt. Der Familienname Kauert gehörte im 19. Jahrhundert zu einer in Krefeld ansässigen Unternehmerfamilie, die unter anderem im Destillations- und Kolonialwarenhandel tätig war. Ein Familienbetrieb, dessen Ursprünge bis ins Jahr 1798 zurückreichen sollen, umfasste später auch eine Kaffeerösterei und eine Essigfabrik.
Zu den bekannteren späteren Angehörigen der Familie gehörte Heinrich Kauert, der 1856 geboren wurde. Er wirkte als Unternehmer, Mitglied der Industrie- und Handelskammer, Stadtverordneter und Förderer der kaufmännischen Ausbildung. Da er erst ein Jahr nach der Errichtung des Hauses zur Welt kam, kann er nicht dessen Bauherr gewesen sein. Ob und in welchem Verwandtschaftsverhältnis Friedrich Kauert zu diesem Familienzweig stand, lässt sich anhand der bisher zugänglichen Onlinequellen nicht eindeutig belegen.
Zerstörung und Wiederaufbau
Der schwerste Einschnitt für den Ostwall und die Krefelder Innenstadt ereignete sich im Juni 1943. Bei einem großen Luftangriff wurden weite Teile des Zentrums zerstört. Nach Angaben des Stadtarchivs waren ganze Straßenzüge am Ostwall und Westwall vernichtet; teilweise blieben nur einzelne Fassaden stehen. Mehr als 6.000 Gebäude wurden vollständig zerstört. [4]
Der Wiederaufbau veränderte das Erscheinungsbild der Innenstadt grundlegend. Historische Gebäude wurden vereinfacht wiederhergestellt, durch Neubauten ersetzt oder später an die Anforderungen des Autoverkehrs und des modernen Einzelhandels angepasst.
Auch der Ostwall wandelte sich von einer begrünten Promenade zunehmend zu einer stark beanspruchten Verkehrs- und Einkaufsstraße. Trotzdem blieb seine ursprüngliche Funktion im Stadtgrundriss erhalten: Er verbindet den Hauptbahnhof mit der Innenstadt und bildet gemeinsam mit den übrigen Wallstraßen den Rahmen des Zentrums.
Eine Geschichte, die noch nicht abgeschlossen ist
Für eine vollständige Hauschronik wären weitere Recherchen im Stadtarchiv notwendig. Historische Adressbücher könnten frühere Bewohner und Unternehmen nennen. Bauakten könnten Hinweise auf den Architekten, die Bauherrschaft und spätere Umbauten liefern. Alte Stadtpläne, Fotografien und Katasterunterlagen könnten zeigen, wie sich das Grundstück und das Gebäude im Laufe der Zeit verändert haben.
Das Stadtarchiv stellt entsprechende kommunale Aktenbestände und historische Unterlagen im Lesesaal zur Verfügung. [5]
Bis diese Details geklärt sind, bleibt Ostwall 119 ein Haus mit einer teilweise verborgenen Biografie. Sicher ist jedoch: Es ist Teil eines der bedeutendsten städtebaulichen Projekte Krefelds – und eines jener Gebäude, die diesen historischen Zusammenhang bis heute sichtbar machen.
Quellen
Im Text verwendet
- Stadt Krefeld, ohne eindeutig ausgewiesenes Veröffentlichungsdatum: „Teil 32: Der Vagedes-Plan“, Stadt Krefeld, abgerufen am 5. August 2026, direkter Link.
- Stadt Krefeld, 28. August 2023: „Teil 40: Fiktiver Spaziergang durch die Stadt um 1900“, Stadt Krefeld, direkter Link.
- Stadt Krefeld, Fachbereich Denkmalschutz, Stand Januar 2022: „Denkmalliste der Stadt Krefeld“, Serviceportal der Stadt Krefeld, PDF.
- Stadt Krefeld/Stadtarchiv Krefeld, 29. November 2023: „Teil 53: Krefeld ist nur noch ein Trümmerhaufen – die Zerstörung Krefelds im Juni 1943“, Stadt Krefeld, direkter Link.
- Stadt Krefeld/Stadtarchiv Krefeld, ohne Datumsangabe: „Planung des Archivbesuchs“ sowie „Beständeübersicht“, abgerufen am 5. August 2026, Informationen zum Archivbesuch.
Ohne direkte Quelle
- Entertrade Immobilien / Claudia Bartels, ohne Datumsangabe: „Historisches spätklassizistisches herrschaftliches Haus am Ostwall zu verkaufen“, Entertrade Immobilien, abgerufen am 6. August 2026. Das Exposé nennt das Baujahr 1855, den Kaufmann Friedrich Kauert als Bauherrn und beschreibt die Fassadengliederung.
- Bürgergemeinschaft Bismarckviertel e. V., 2021: „Heinrich-Kauert-Weg – Wer war Heinrich Kauert?“, Bürgergemeinschaft Bismarckviertel, abgerufen am 6. August 2026.
- Frank Heidermanns, ohne Datumsangabe: „Kauert/Jentges: Johann Friedrich Heinrich Kauert und Maria Jentges“, genealogische Datenbank unter Verwendung historischer Familien- und Personenstandsquellen, abgerufen am 6. August 2026.
- Victoria and Albert Museum, ohne Datumsangabe: „Art Nouveau“, V&A Collections, abgerufen am 6. August 2026. Das Museum datiert die Entstehung des europäischen Art Nouveau beziehungsweise Jugendstils in die frühen 1890er-Jahre.
Bildquellen
- Beitragsbild: Die Bilder stammen von historischen Postkarten. Die Originalquellen sind unbekannt.
- Ostwall 119 Fassade: Wikipedia. Sir Gawain, September 2011.
- Karte von Krefelds „vier Wälle“: Google Maps, Vexcel Imaging US, Inc. 2026








