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Das wichtigste Möbelstück im Coworking Space ist ein Schrank
Wenn du dir einen Coworking Space ansiehst, achtest du wahrscheinlich auf die üblichen Dinge. Wie bequem sind die Stühle? Ist das Licht okay? Riecht die Küche nach Kaffee oder nach dem Abwasch von vorgestern? Das sind alles vernünftige Kriterien. Nur übersiehst du dabei mit hoher Wahrscheinlichkeit das Möbelstück, das am Ende darüber entscheidet, ob du dort wirklich arbeiten kannst: einen Schrank, in dem Leute treffen.
Telefonkabinen, wenn man es weniger seltsam ausdrücken will. Sie sind auch als Meeting- oder Silent-Boxes bekannt. Und tatsächlich kommen sie in mindestens zwei Größen. Die kleine Variante ist für eine Person gedacht – gerade groß genug für einen Laptop und die Hoffnung auf halbwegs vernünftigen Ton. Die größere Variante ist im Grunde ein Besprechungsraum im Taschenformat, ausgelegt für bis zu vier Personen. Meistens mit Glastür, damit man sich nicht komplett von der Außenwelt abschneidet, und mit solider Schalldämmung, damit trotzdem niemand mithört, was drinnen besprochen wird. Beide Varianten erfüllen denselben Zweck, nur für unterschiedliche Anlässe: die eine für den spontanen Anruf zwischendurch, die andere für das kurze Gespräch mit Kolleginnen oder einer Kundin, für das ein voller Konferenzraum überdimensioniert wäre.
Privatsphäre mittendrin
Ganz gleich, ob Sie sich persönlich treffen oder eine Videokonferenz abhalten: Besprechungsboxen sind unerlässlich, um einen privaten Raum in einer offenen Umgebung zu schaffen.

Sie stehen auf keiner Preisliste. Sie tauchen in keiner Broschüre unter „Highlights“ auf. Und trotzdem sind sie, wenn man der Branche glaubt, der Punkt, an dem sich Interessenten für oder gegen einen Coworking-Space entscheiden.
Die Möbelliste, die niemand aufschreibt
Die deutsche Marktstudie von deskmag führt Telefonkabinen gar nicht erst als eigene Nachfragekategorie. Nicht, weil sie unwichtig wären, sondern aus einem fast schon ironischen Grund: Sie werden nie einzeln abgerechnet. Niemand bucht „eine Stunde Kabine“ wie einen Besprechungsraum. Sie gehören einfach dazu, so wie Strom oder fließendes Wasser, und genau deshalb tauchen sie in keiner Statistik über gebuchte Leistungen auf.
Die Beobachtung der Studie ist trotzdem eindeutig: Wo Telefonkabinen fehlen, entscheiden sich viele Interessenten gegen den Space. Nicht, weil sie das Fehlen als Designfehler werten, sondern aus einem sehr praktischen Grund – sie können dort schlicht keine Online-Meetings führen, ohne dass der halbe Raum mithört.
Das ist die stille Infrastruktur eines Coworking-Spaces. Man bemerkt sie nicht, wenn sie da ist. Man bemerkt sie sofort, wenn sie fehlt, meistens mitten in einem Kundengespräch, wenn man merkt, dass die Person am Nebentisch jedes Wort mitbekommt und man selbst gerade über den Quartalsumsatz spricht.
Warum das kein Kleinkram ist
Vor zehn Jahren war das vielleicht wirklich ein Nebendetail. Man telefonierte, ging kurz raus, fertig. Heute sind die meisten Gespräche Videocalls, und ein Videocall ist etwas anderes als ein Telefonat. Man kann ihn nicht einfach mit dem Handy am Ohr auf dem Flur führen. Man braucht einen Bildschirm, ein einigermaßen ordentliches Hintergrundbild und einen Ort, an dem man nicht dauernd erklären muss, warum gerade jemand im Hintergrund Kaffee kocht.
In einem offenen Raum mit mehreren Arbeitsplätzen wird das schnell zum Verteilungsproblem. Eine Person im Call betrifft nicht nur diese eine Person. Sie betrifft jeden, der in Hörweite sitzt und eigentlich etwas anderes tun wollte, als unfreiwillig an einem fremden Mitarbeitergespräch teilzunehmen.
Die Rechnung, die dahinter steckt
Hier wird es interessant, wenn man kurz nachrechnet. Nimm einen ganz gewöhnlichen Arbeitstag, sagen wir acht Stunden. Nimm einen Raum mit vier Arbeitsplätzen. Wenn jede Person im Schnitt eine Stunde am Tag in einem Call verbringt – was für viele Berufe eher niedrig gegriffen ist – dann sind das zusammen vier Stunden Call-Zeit, verteilt auf denselben Raum. Bei einem Achtstundentag heißt das: In der Hälfte der Zeit spricht irgendjemand mit einem Bildschirm, während die anderen versuchen, sich auf etwas anderes zu konzentrieren.
Das ist keine Ausnahmesituation, die man wegorganisieren kann. Das ist der Normalzustand eines kleinen, gut ausgelasteten Büros. Man kann also entweder so tun, als würde das Problem nicht existieren, oder man baut einen Schrank, in dem man steht, und löst es einmal, ordentlich, für alle.
Feldnotiz
Beobachtung aus einem x-beliebigen Großraumbüro, Uhrzeit irrelevant: Eine Person hält den Laptop mit ausgestrecktem Arm vor sich, um im Kamerabild nicht die Kollegin im Hintergrund zu zeigen. Die Kollegin hält gerade denselben Kompromiss für zwei andere. Niemand hat sich abgesprochen. Alle machen es trotzdem gleichzeitig.
Was du beim nächsten Space-Besuch checken solltest
Wenn du einen Coworking Space besichtigst, lohnt sich also eine Frage, die selten gestellt wird: Wie viele Rückzugsmöglichkeiten gibt es, in welcher Größe, und wie viele Arbeitsplätze teilen sich diese Möglichkeiten? Eine einzelne Ein-Personen-Kabine hilft dir wenig, wenn du eigentlich zu dritt kurz etwas mit einer Kundin besprechen willst. Ein Space mit zwanzig Schreibtischen und einer einzigen Kabine hat ein Problem, das du erst merkst, wenn du selbst mal dringend telefonieren musst und die Kabine belegt ist – von jemandem, der offensichtlich auch gerade erst gemerkt hat, wie sehr er sie braucht.
Das ist im Übrigen auch der Grund, warum sich die Branche gerade insgesamt von reinen Großraumkonzepten wegbewegt, hin zu zonierten Flächen: ruhige Bereiche zum konzentrierten Arbeiten, gemeinsame Bereiche für Austausch, und eben Rückzugsorte für genau diese Art von Gespräch. Kein Zufall, sondern eine Reaktion auf ziemlich viele frustrierte Nutzer, die vorher genau das nicht hatten.
Kein Verkaufsargument, sondern eine ehrliche Frage
Wir bauen gerade selbst an einem kleinen Space, und diese Frage beschäftigt uns tatsächlich sehr konkret. Vier Arbeitsplätze in einem Raum, das ist überschaubar, aber eben nicht null Menschen, die gleichzeitig telefonieren oder sich kurz zu zweit oder zu dritt austauschen wollen. Eine Lösung für beide Fälle – das Silent Box für den einzelnen Anruf, der kleine Rückzugsraum für die spontane Kleingruppe – ist Teil der Bauplanung, nicht nur eine nette Idee für später.
Für dich als Besucherin oder Besucher eines Spaces bleibt trotzdem die praktischere Erkenntnis. Das schönste Interieur nützt wenig, wenn du dein wichtigstes Kundengespräch am Ende doch im Treppenhaus führst. Manchmal ist der unscheinbarste Raum im ganzen Space der, auf den es am meisten ankommt.
Quellen
Im Text verwendet
- Coworking Spaces in Deutschland erholen sich deutlich. Foertsch, Carsten. deskmag. 15. April 2025. https://www.deskmag.com/de/coworking-city-country-profiles/coworking-spaces-markt-studie-analyse-erhebung-bericht-deutschland-2025
Ohne direkte Quelle
- Die Rechnung zur Call-Zeit im Vier-Personen-Raum ist eine eigene, plausible Beispielrechnung zur Veranschaulichung, keine erhobene Statistik. Der Trend zu zonierten Flächen (ruhige Bereiche, Gemeinschaftsbereiche, Rückzugsorte) stammt aus aktuellen Branchen-Roundups zur Raumplanung 2026 und ist als allgemeine Beobachtung, nicht als Einzelzahl, formuliert.
- 6 Things to Consider When You Plan and Design Meeting Rooms for Your Coworking Space. Ivanova, Mihaela, für Coworking Resources by Kisi. 04. März 2019. https://www.coworkingresources.org/blog/things-to-consider-when-plan-and-design-meeting-rooms-coworking-space
Bildquellen
- Das Titelbild, Meeting im Meeting Box wurde von ChatGPT erstellt. 28. Juli 2026.
- Cabine acoustique. Work With Island, 02. Oktober 2024. Unsplash








