Bin ich ein Coworker?

Bin ich ein Coworker? Was dich im Coworking Space erwartet

„Coworking Space“ steht inzwischen an ziemlich vielen Türen. Dahinter kann sich fast alles verbergen: ein umgebautes Ladenlokal mit sechs Schreibtischen, eine Etage in einem Bürohochhaus, deren Betreiber sich vor allem an Konzerne richtet, oder ein ehemaliger Bauernhof, in dem donnerstags gemeinsam gekocht wird.

Das ist kein Etikettenschwindel, sondern ein Spektrum. Es bedeutet aber, dass die Frage „Was kostet ein Coworking Space?” ungefähr so präzise ist wie die Frage, was ein Auto kostet.

Dieser Text sortiert, was du buchen kannst, was es ungefähr kostet und wer dort eigentlich sitzt. Hinzu kommt ein Punkt, den die meisten übersehen: Es gibt zwei sehr unterschiedliche Vorstellungen davon, was Coworking überhaupt sein soll, und es lohnt sich zu wissen, welcher Variante du gerade begegnest.

(Woher die Idee kommt und was mit dem „dritten Ort” gemeint ist, steht im ersten Teil.)

Was du tatsächlich bekommst

Das Praktische zuerst, denn ohne das ist die schönste Idee nur eine Idee.

Die meisten Spaces bieten sogenannte Plug-and-Play-Arbeitsplätze an. Der Gedanke: Du sollst nichts organisieren müssen, was mit deiner eigentlichen Arbeit nichts zu tun hat. Im Preis stecken deshalb üblicherweise die Arbeitsplatzinfrastruktur, Reinigung, Nebenkosten, schnelles Internet und – da ist sich die Branche international bemerkenswert einig – Kaffee.

Dazu kommt, je nach Haus, eine Auswahl an Bausteinen: ein fester Schreibtisch oder ein flexibler, ein Tagesticket, ein Besprechungsraum stundenweise, ein Veranstaltungsraum, eine Geschäftsadresse für die Post. Du buchst, was zu deinem Leben passt, und lässt den Rest weg.

Und ein Punkt, der auf keiner Preisliste steht und trotzdem über alles entscheidet: Telefonkabinen. In der deutschen Branchenerhebung von deskmag tauchen sie nicht einmal als Nachfragekategorie auf, weil sie nie einzeln abgerechnet werden. Die Beobachtung dort ist trotzdem eindeutig: Sie gehören inzwischen zur Grundausstattung wie Strom oder Wasser, und wo sie fehlen, entscheiden sich viele Interessenten gegen den Space – weil sie dort schlicht keine Online-Meetings führen können. Aber das ist ein eigenes Thema, und es ist so schön absurd, dass es einen eigenen Text verdient.

Die unromantische Antwort

Es gibt eine Begründung für Coworking, die völlig ohne Gemeinschaftsgefühl auskommt. Sie ist eine Rechenaufgabe.

Der Bundesverband setzt einen Arbeitsplatz im Coworking Space mit rund 220 bis 250 Euro monatlich an. Ein klassischer Büroarbeitsplatz kostet in Behörden etwa 600 Euro und in mittelständischen Unternehmen bis zu 1.000 Euro – bei vergleichbaren Leistungen. Der Unterschied entsteht nicht durch Zauberei, sondern dadurch, dass sich viele Menschen dieselbe Infrastruktur teilen. Ein Drucker, der einer Person gehört, steht 95 Prozent der Zeit herum. Ein Drucker, den zwölf Leute benutzen, arbeitet.

Für Selbstständige ist die Rechnung eine andere, aber sie geht in dieselbe Richtung. Der Küchentisch kostet null Euro Miete. Er kostet dich nur an anderer Stelle etwas, und diese Kosten stehen auf keiner Rechnung: den Raum, den du abends nicht mehr verlassen kannst, den Besprechungstermin, den du ins Café verlegst, und die Rückenschmerzen nach acht Stunden an einem 74 Zentimeter hohen Esstisch.

Küchen Büro

Das Küchenbüro

Nichts davon ist ein Argument, das für jeden gilt. Aber es ist ein Argument, das man wenigstens einmal durchgerechnet haben sollte, bevor man es abtut.

Nebeneinander oder Miteinander?

Fast alle Spaces berufen sich auf denselben Wertekanon, der aus der Gründungszeit stammt: Zusammenarbeit, Community, Nachhaltigkeit, Offenheit und Zugänglichkeit.

Der Gedanke dahinter ist der Netzwerkeffekt. Menschen mit sehr unterschiedlichen beruflichen Hintergründen teilen sich eine Infrastruktur, kommen dabei ins Gespräch, und daraus entstehen Dinge, die sonst nicht entstanden wären. Der Bundesverband stellt das ausdrücklich dem Homeoffice gegenüber, wo man sich beruflich wie sozial schnell isoliert.

Jetzt die Einschränkung, denn ohne sie wäre der Text Werbung und keine Erklärung: Nicht überall, wo Coworking draufsteht, ist dasselbe drin.

Doris Schuppe hat das im Juli 2026 für die German Coworking Federation beschrieben, und zwar treffender, als ich es je formulieren könnte. Sie greift ein Bild von Lucia Schramm-Kaineder auf: das Fitnessstudio. Zehn Menschen schwitzen nebeneinander auf ihren Geräten, und keiner interessiert sich für die anderen. Jeder zieht sein Programm durch und geht wieder. „Ich bin ein Ressourcennutzer“, sagt Schramm-Kaineder über diese Haltung. Das Gegenbild ist das Zeltlager: unterschiedliche Hüllen, aber ein gemeinsames Erleben – und ein Ort, der sich durch die Leute verändert, die da sind.

Der Text unterscheidet entlang dieser Linie zwischen dem Flex Office und dem, was er „echtes“ Coworking nennt. Beim Flex Office geht es um Infrastruktur, Zugang und Effizienz. Die Beziehungen bleiben weitgehend anonym, die Umgebung spielt kaum eine Rolle, im Kern ist der Raum ein Immobilienprodukt. Beim Coworking geht es um Co-Präsenz und um eine Haltung, die Schuppe Kooperationskonkurrenz nennt: Man arbeitet am selben Ort, womöglich sogar in derselben Branche, begreift sich aber als gegenseitige Ergänzung statt als Bedrohung. Der Space versteht sich außerdem als Teil seiner Umgebung, nicht nur als Fläche darin.

„Wir arbeiten am selben Ort, vielleicht sogar in der gleichen Branche, aber wir begreifen uns als gegenseitige Ergänzung, nicht als Bedrohung.“

– D. Schuppe

Wichtig ist dabei, dass es sich um die beiden Enden eines Spektrums handelt und nicht um zwei Schubladen. Dazwischen liegt so ziemlich alles, was es tatsächlich gibt. Auch die Forschung zieht diese Trennlinie übrigens, mit anderen Worten: zwischen Spaces, bei denen soziale Ziele vor der Rentabilität stehen, und kommerziellen Häusern, die sich vor allem an mittlere und größere Unternehmen richten.

Ein Detail aus dem Text mag ich besonders. In der Coworking-Bewegung schreibt man das Wort bewusst ohne Bindestrich – weil ein Bindestrich trennt, was zusammengehört. Das „Co“ ist nicht der Zusatz. Es ist der Punkt.

Für dich heißt das vor allem eines: Es lohnt sich zu wissen, worauf du dich einlässt. Beides hat seine Berechtigung, und für manche Zwecke ist das anonyme Flex Office genau das Richtige. Nur wenn du das eine erwartest und im anderen landest, wirst du enttäuscht sein – nicht weil der Space schlecht wäre, sondern weil er etwas anderes ist.

Für wen das gemacht ist

Das Bild im Kopf ist meistens dasselbe: junge Leute mit Laptops, die ein Start-up gründen. Der Bundesverband nennt dieses Bild selbst inzwischen etwas verstaubt – Start-ups sitzen ohnehin überwiegend in eigens dafür gebauten Gründerzentren.

Tatsächlich ist die Nutzerschaft deutlich interessanter und breiter: Dazu gehören Solo-Selbstständige und kleine Gewerbebetriebe aus praktisch jeder Branche, Menschen in beratenden Berufen sowie inzwischen auch Anwältinnen und Steuerberater, für die ein Space eine zeitgemäße Alternative zur eigenen Kanzlei ist. Hinzu kommen Angestellte, die hybrid arbeiten und einen Ort zwischen Zuhause und Zentrale suchen, sowie Unternehmen, die einen Besprechungsraum für ein Bewerbungsgespräch benötigen. Vereine, die einen neutralen Raum für Beratungstermine benötigen. Der Verband führt sogar Handwerksbetriebe und Bestattungsunternehmen auf – nicht für die eigentliche Arbeit, aber für den Papierkram, der bei beiden reichlich anfällt.

Interessant ist dabei ein regionaler Unterschied, den man selten liest. In Millionenstädten stellen Angestellte die größte Gruppe. In mittelgroßen und kleinen Städten sind es die Selbstständigen. Fast alles, was über Coworking geschrieben wird, ist aus der Perspektive der Großstadt geschrieben – und beschreibt damit einen Alltag, der in den meisten deutschen Städten so gar nicht stattfindet.

Und was heißt das für dich?

Wahrscheinlich nicht, dass du einen Coworking Space brauchst. Viele Menschen arbeiten zu Hause hervorragend, und das ist keine Schwäche, sondern einfach eine Tatsache.

Die brauchbarere Frage ist eine andere: Was von dem, was du zum Arbeiten brauchst, hat dein aktueller Arbeitsplatz nicht? Für manche ist es Ruhe. Für andere ist es das Gegenteil – irgendein Geräuschpegel, der signalisiert, dass gerade gearbeitet wird. Für viele ist es die Trennung, also die Möglichkeit, abends wirklich Feierabend zu haben statt nur den Laptop zuzuklappen. Und für einige ist es ein Raum mit einem ordentlichen Tisch, wenn mal jemand vorbeikommt, den man nicht in die eigene Wohnung setzen möchte.

Fällt dir etwas ein, hast du immerhin eine Einkaufsliste. Und die ist mehr wert als jede allgemeine Empfehlung, weil sie dir zeigt, was du tatsächlich brauchst.


Quellen

Im Text verlinkt

Weitere verwendete Quellen

Ohne Link

Die Unterscheidung zwischen klassischen und kommerziellen bzw. hybriden Coworking Spaces stammt aus der wissenschaftlichen Literatur zum Thema (u. a. Forschungsberichte im Auftrag des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales). Ich habe die Fundstelle nicht bis zur Primärquelle zurückverfolgt und verlinke sie deshalb nicht.

Bildquellen

  • Das Titelbild wurde von ChatGPT erstellt.
  • Contemplaltive Kitchen. Dyana Wing So. March 20, 2020. Unsplash

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